Kolumnen, erschienen im Magazin "Unsere Stadt"
Blind Date
Anna ist schwer frustriert. Wie immer, wenn sie am Vortag ein „Blind Date“ absolviert hat. Gestern war es das zwölfte der letzten drei Wochen. Seit Monaten sucht Anna ihren Traumprinzen im Internet. „Beschreiben tun sich die Männer als sportlich, fesch und gut gekleidet“, so die einsame Singlefrau. „Zum Treffen erscheinen dann ungewaschene Männer mit Waschbärbauch, der aus der Hose hängt, mit weißen Socken und jeder zweite hat sich anscheinend schon Stunden lang Mut antrinken müssen.“ Wie Anna ergeht es vielen, die den eitlen Selbstdarstellungen der Männer in den Internet-Singlebörsen glauben. „Der Kerl hat mir doch glatt ein falsches Foto geschickt“, zeigt sich Anna bestürzt. „Sonst wäre ich gar nicht hin gegangen!“ Für mehr Erzählungen aus dem Leben der Partner suchenden Singlefrau hat Anna keine Zeit mehr. Sie muss zum nächsten Treff. Allerdings hat auch sie geflunkert. Unter mollig versteht Anna ein Gewicht von 96 Kilo. Bei einer Körperhöhe von 161 Zentimeter. Und sie ist auch neun Jahre älter, als sie angegeben hat.***
Liebeskunde
Liebeskunde kann man auch in der Konditorei erlernen. Nicht immer, und nicht in jeder. Aber letztens in der kleinen feinen Mehlspeishandlung, wo auch Schinken-Käse-Toast gereicht wird und nicht nur Torten, da saßen vier Frauen, die knapp zwei Stunden lang ihre erotischen Erlebnisse der letzten Wochen austauschten. Hörbar für jeden im Lokal. Ein paar Ketterln hatten sie zuviel um die Hälse, auch einige Ringerln weniger hätten es sein können. Und das Parfum hätten die Damen vielleicht ebenfalls ein bisschen sparsamer verwenden können. Es überlagerte ein wenig zu stark den Geruch des frischen Toasts. Nun ja, gut sind wir Männer beim „Weibertratsch“ ja nicht gerade weg gekommen. Denn drei der vier Liebhaber (vielleicht sprachen die Damen auch von mehreren Liebhabern?) kommen einfach zu früh. Was nicht so schlimm sei, meinte man in der Damenrunde. Vorausgesetzt die Herren der Schöpfung wären ein wenig kreativer in der Gestaltung des Liebeslebens, statt danach gleich wegzuschlafen. Die ausgesprochenen Wünsche der Damenrunde allerdings ließ die Chefin das Lehrmädchen unter einem Vorwand in die Backstube schicken. Dem alten Herrn am Nebentisch schien die Erinnerung an längst Vergessenes einzuholen und die zwei Seniorinnen, die ebenfalls ergriffen lauschten, begannen ihrerseits über ihre „Seligen“ und deren Liebeskünste zu schwärmen. „Zu unserer Zeit waren die Männer noch „richtige Männer.“Was aus dieser Erfahrung zu lernen ist: Wenigstens posthum bleiben die meisten von uns tolle Liebhaber..***
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Rubenstypen
Manfred hat eine Schwäche. „Ich liebe Rubenstypen“, bekennt er. Frauen, die nur mollig sind, bezeichnet er schlicht als „Bohnenstangen“, weniger als Körbchengröße „D“ lässt ihn jegliches Interesse an einem amourösen Abenteuer verlieren. „Ich brauche einfach diese weichen, kuscheligen Weiber“, sagt er. Männer, die schlankere Frauen vorziehen, bezeichnet er schlicht als Schwindler. „Die wollen eine Schlanke eh nur zum Herzeigen“, ätzt er, und versichert: „Im Bett sind runde Frauen einfach besser!“ Letztens wurde Manfred in der Innenstadt gesehen. Hand in Hand, mit einer sehr, sehr schlanken Frau.
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Strenge
Melanie ist streng. Sehr streng. „Ich brauche den Kick, einen Mann winseln zu sehen“, gesteht sie. Um ihre Lust und Leidenschaft auch entsprechend ausleben zu können, hat sie allerlei „Spielzeug“, wie sie ihre Requisiten bezeichnet, eingekauft. Lederkleidung, Handschellen, „aber nicht die mit dem Plüschüberzug, sondern echte vom Waffenhändler.“ Und auch einige andere Dinge, deren Gebrauch schmerzhaft sein kann, nennt sie ihr eigen. Als „Partnerin“ ist Melanie heiß begehrt. Vor allem bei beruflich erfolgreichen und dominanten Männern mit Tagesfreizeit, denen man ihre devote sexuelle Orientierung nie zuschreiben würde. Eifersüchtig sind ihre beiden Erotikpartner übrigens nicht aufeinander. „Sie sagen, sie wären lieber an einer guten Sache beteiligt als Alleininhaber einer schlechten“, versichert die warmherzige Mutter glaubhaft. Ihrem Mann hat sie ihre Phantasien nie gestanden. „Dass würde er nie verkraften“, weiß sie und fürchtet: „Er würde sicher sofort die Scheidung einreichen.“
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Powerfrau
Michaela ist verzweifelt. Sie ist das, was man eine gebildete Powerfrau bezeichnet: Akademikerin, Anfang vierzig, seit drei Jahren Single und finanziell abgesichert. „Wenn ich Männern von meinem Beruf erzähle, ergreifen sie die Flucht“, schildert die Psychotherapeutin ihre Erfahrungen mit dem angeblich so starken Geschlecht. „Offenbar fühlen sie sich durchschaut oder haben einfach Angst vor mir.“ Ihre Vermutung könnte durchaus zutreffen. Denn die meisten vertrauen ihr zuerst alle dunklen Seiten ihres Lebens an, ehe sie das Weite suchen. „Dabei suche ich einen Partner, der mich einfach tröstet, wenn es mir nicht gut geht.“
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Ex-Sex...
Johanna ist verärgert. „Ich kann mit meinem Günter nirgends hingehen, ohne mit einer seiner unzähligen Ex-Frauen konfrontiert zu werden“, klagt sie. Kennen gelernt hat sie ihn, als er bereits 52 und dreifacher Opa war. Am Anfang hat es ihr gut gefallen, dass er freundschaftlich mit seinen Expartnerinnen verkehrt. Aber nun quält sie eine nie gekannte Eifersucht auf die Vergangenheit ihres Lebenspartners. „Ich stelle mir immer wieder vor, wie er es mit diesen Frauen getrieben hat, manchmal habe ich auch Angst, dass er immer noch Sex mit einer seiner Ex hat.“ Günter sieht die Sache gelassener: „Durch die vielen dramatischen Eifersuchtsszenen habe ich mittlerweile schon ein Seitensprung-Guthaben“, sagt er lächelnd. Und: „Bis jetzt war ich treu, aber wer weiß...?“
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Self-Service
Fritz ist erstaunt. Eine neue medizinische Studie soll bewiesen haben, dass zwei bis drei Mal Sex pro Woche die Abwehrkräfte steigern soll. „Blödsinn“, meint Fritz. „Das ist viel zu wenig!“ „Zwei mal täglich wäre angemessen“, meint er. Fritz hat allerdings die Zeitungsmeldungen nur überflogen. Denn dies Studie bezog ich auf Sex mit einem Partner. Fritz versteht darunter aber auch, sich selbst zu befriedigen. Dabei stärkt er zwar seinen Kreislauf und sein Wohlbefinden, mit der Studie hat dies allerdings nichts zu tun. Zwei oder gar drei Liebesnächte pro Woche kann Fritz ohnehin nicht erleben. Denn seit Jahren lebt er als Single, weil seine Lust jede seiner Partnerinnen überfordert hat. Nicht die Lust auf seine Partnerinnen, sondern jene auf sich selbst. Immer wieder wurde er von seinen – körperlich arg vernachlässigten – Partnerinnen dabei ertappt, wie er mit sich selbst beschäftigte. Und wurde prompt sehr schnell verlassen.
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Viagrakauf
Marianne schämt sich. Sie traut sich kaum noch aus dem Haus. Weil nun alle wissen, dass sie und ihr Alois die Wunderpille Viagra entdeckt haben. Und die brachte tatsächlich frischen Wind in ihr Liebesleben. Alois hatte in der Apotheke im Grätzel diskret sein Rezept der neuen Apothekenhelferin überreicht. Und die fragte die Frau Magistra laut und für alle Kunden hörbar: „Wo hamma die Viagra?“ Seither wissen alle in der Umgebung über das neue Liebesleben von Marianne und Alois Bescheid und tuscheln darüber. Glaubt zumindest Marianne. Darum schämt sie sich jetzt, statt stolz zu sein. Denn nur die Neidischen tuscheln...
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Vergleiche
Als „Freund der Frauen“ bezeichnet sich Gerhard ganz vornehm. Nun ja, man(n) kann es auch so sehen, wie der Mittvierziger, der – behaupten böse Zungen – „nichts anbrennen“ lässt. „Wenn ich auf Aufriss geh', dann komm ich immer zu zweit heim“, sagt er. Und behauptet stolz: „Ich hab schon mehr als 180 Frauen verführt.“ Genau berechnet hält sich seine Erfolgsquote allerdings in Grenzen. Denn seit dem Beginn seiner erotischen Begegnungen im spätpubertären Alter von zarten 16 ist er weniger als fünf mal im Jahr erfolgreich auf Pirsch gewesen. Das heißt, ungefähr jede zehnte Woche kann er sich über eine Liebesnacht, vielleicht sogar über eine zweite, freuen. Und wählerisch war er auch nie, der Gerhard. Das wissen zumindest seine engeren Freunde, die ihn manchmal in eines der einschlägigen Tanzlokale oder ein anderes Etablissement begleiten. „Er hat halt noch nie ein gutes Buch gelesen, darum gibt er sich mit Groschenromanen zufrieden“, grinst Bertl und ergänzt: „Auch bei den Frauen gibt es die Unterschiede, wie beim Lesestoff!“ Dem Gerhard ist nämlich das Aussehen genauso egal wie das Alter der Damen: „Das ist aber auch schon alles, was seinen Erfolg ausmacht“, findet Freund Bertl. Eine Partnerin fürs Leben hat Gerhard ohnehin noch nie gesucht. „Er glaubt immer, eine noch tollere, bessere oder passendere Frau zu finden. Darum bleibt er immer der Jäger und Sammler, der nie aufhören kann, zu suchen“, so Bertl über Gerhards Verhalten, das schon Suchtcharakter hat. Neuerdings ist dem selbst ernannten Casanova allerdings die Lust auf die Jagd vergangen. Aus finanziellen Gründen. Ein paar mal hat er halt nicht aufgepasst, und jetzt sind die Alimente, die er zu zahlen vergessen hat, gerichtsanhängig.
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Intimrasur statt Rastalocken
Laura rasiert sich neuerdings. „Ich finde das viel hygienischer“, sagt sie. Noch vor wenigen Wochen hätte die resolute rot gefärbte Feministin jedes Ansinnen, sich ihrer Schambehaarung zu entledigen entrüstet abgelehnt. Seit sie allerdings mit „M.“, ihrem neuen Freund aus einem moslemischen Land zusammen ist, hat sich ihr Aussehen (wieder einmal) radikal verändert. Sogar ein Kopftuch trägt sie neuerdings. Fallweise zumindest. Lauras Freunde sehen diesen Wandel gelassen. „Sie ist halt ein Ethno-Groupie“, glaubt Freundin Gaba. „Sie hatte schon Rasta-Locken, hat Samba gelernt und sich mit afrikanischer Küche beschäftigt.“ Je nachdem, woher ihr jeweiliger Kurzzeit-Lebensmensch herkam. „Sie liebt halt das Exotische, auch wenn’s immer ein Fiasko wurde“, weiß Gaba, die durch Laura die Überzeugung gewonnen hat: Männer sind immer gleich, egal woher sie kommen.“ Sie selbst zeigt sich wenig berührt. Denn sie fühlt sich eher Frauen zugeneigt, wie sie verrät.***
Hormonhaushalt
Klaus ist
wieder solo. „Zwei Jahre kein Sex,
das übersteht die beste Partnerschaft nicht“,
beschreibt er den Grund für die Trennung. Am Anfang war
alles ganz anders, da landeten wir manchmal mehrmals am
Tag im Bett oder haben einander schnell irgendwo
verwöhnt, wo uns gerade die Lust überkam“,
erinnert er sich an den Beginn der großen Liebe. Nach
der „sehr kurzen Trauerphase ist er wieder in den
Lokalen unterwegs, „um seinen Marktwert zu
testen“. Die One Night Stands, die seinen
Hormonhaushalt in Ordnung bringen, die schätzt er
natürlich schon. Obwohl er sich eigentlich eine
richtige Lebensgemeinschaft wünscht. Mit
Kuschel-Wochenenden, gemeinsamen Urlauben und
partnerschaftlichem Zusammenleben. So wie es mit Oliver
drei Jahre lang gut geklappt hat. „Der Richtige
wird schon noch kommen“, zeigt sich Klaus
zuversichtlich.
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Mausi und so...
Michael ist chatsüchtig. Nun, seine Sucht beschränkt sich nicht auf den Meinungsaustausch via Internet. Vielmehr ist er auf der Suche nach einer geeigneten Lebens- oder zumindest Liebespartnerin.„Es ist grauenhaft, wie sich die Frauen beschreiben“, klagt er, der sich im Single-Chatroom einfach „Gerhard“ nennt. „Da wimmelt es nur so von allerlei Getier“, sagt er, und verdreht dabei die Augen. „Was soll man von einer 40-jährigen Frau halten, wenn sie sich als Schmusekatze bezeichnet.“ Auch den verschiedenen „Mauserln“, „Hasis“ oder „Fischerln“ kann er wenig abgewinnen. „Das sind wahrscheinlich diese Frauentypen, deren ganze Wohnung mit Stofftieren zugemüllt ist“, ätzt Michael, der sich einfach eine "gestandene Frau" wünscht. „Aber auf keinen Fall eine, die einen Frosch mit einem Kuss in einen Prinzen verwandeln will“, sagt er. „Das sind ja ekelige Fantasien, da graust mir schon beim Gedanken daran!“
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Hausarbeit
Ein „Quicky“ als Belohnung, das sollte fürs Geschirr abwaschen doch einmal pro Woche möglich sein. Das schlägt zumindest der Psychotherapeut und Kabarettist Bernhard Ludwig vor.
Seine Erfahrung: Frauen meinen durchaus, das sei ein gutes Geschäft. Zumindest bei seinen Auftritten hat er festgestellt, dass der weibliche Teil des Publikums diesem Angebot nicht abgeneigt ist. Ob die Männer nach den therapeutischen Kabarettauftritten allerdings zu Hausmännern mutieren, das verschweigt er vornehm. Oder er weiß es eben doch nicht ganz genau…
